
NASCAR | Garrett Lowe greift 2026 mit Bremotion nach dem Titel in der NASCAR Euro Series
9. März 2026
MUSEUM | Die Ausfahrt zum Nationales Automuseum – Die Loh Collection
18. März 2026Hans im Glück: Das rasante Leben der Motorsport-Legende Hans Herrmann
Es gibt Rennfahrer, die durch ihre Siege unsterblich werden und es gibt Rennfahrer, deren bloßes Überleben in der gefährlichsten Epoche des Motorsports an ein Wunder grenzt. Hans Karl Walter Herrmann, geboren am 23. Februar 1928 in Stuttgart, gehört zu beiden Kategorien. In den Fahrerlagern der 1950er und 60er Jahre kannte man ihn unter vielen Namen, doch einer blieb bis heute haften: „Hans im Glück“. Dies ist die Geschichte eines Mannes, der den Tod öfter herausforderte als fast jeder andere – und ihm jedes Mal mit einem Lächeln entkam.
Unter Titanen: Die Anfänge in einer goldenen Ära
Hans Herrmanns Weg in den Motorsport war keineswegs vorgezeichnet. Eigentlich hatte er eine Ausbildung zum Konditor absolviert. Doch das Benzin im Blut war stärker als der Duft von Backwaren. Anfang der 1950er Jahre tauchte der junge Schwabe bei Bergrennen und Rallyes auf und machte in einem Porsche 356 sofort durch seinen verwegenen Fahrstil auf sich aufmerksam.
Es dauerte nicht lange, bis die großen Werke anklopften. Herrmann katapultierte sich mitten in die „Goldene Ära“ des Motorsports. Er teilte sich die Pisten (und oft auch die Boxengasse) mit den absoluten Giganten der Rennsportgeschichte. Wenn er am Start stand, hießen seine Gegner und Teamkollegen Juan Manuel Fangio, Stirling Moss, Karl Kling oder Wolfgang Graf Berghe von Trips. Es war eine Zeit, in der Motorsport noch ein ritterlicher, aber extrem tödlicher Tanz auf der Rasierklinge war. Herrmann fuhr nicht nur auf Augenhöhe mit diesen Legenden, er verdiente sich auch ihren tiefen Respekt.
Ikonen auf vier Rädern: Teams und Maschinen
Die Liste der Autos, die Hans Herrmann im Laufe seiner Karriere pilotierte, liest sich wie ein Quartett-Spiel der Traumwagen. Sein Herz schlug vor allem für zwei große Stuttgarter Marken, aber er war ein gefragter Allrounder
Porsche: Hier begann und endete alles. Vom wendigen 550 Spyder über den 718 bis hin zum brachialen Porsche 917K. Für Porsche war er ein unverzichtbarer Werkspilot.
Mercedes-Benz: 1954 holte Rennleiter-Legende Alfred Neubauer Herrmann ins Mercedes-Werksteam. Er fuhr den legendären „Silberpfeil“ W196 an der Seite von Fangio und Kling in der Formel 1 und brillierte im 300 SLR. Herrmanns fahrerische Klasse war überall gefragt. So startete er auch für Maserati, Borgward, BRM (British Racing Motors) und feierte große Erfolge im Sportwagenbereich für Abarth.
Schutzengel im Dauereinsatz: Der Mythos „Hans im Glück“
In den 50er und 60er Jahren fehlten Leitplanken, feuerfeste Overalls oder Überrollbügel völlig. Wer damals einen schweren Unfall hatte, überlebte ihn meistens nicht. Hans Herrmann jedoch schien einen Pakt mit dem Schicksal geschlossen zu haben. Seine unfassbaren Entkommen aus aussichtslosen Situationen begründeten seinen Spitznamen.
Zwei Ereignisse ragen dabei besonders heraus:
Die geschlossene Bahnschranke (Mille Miglia 1954) Bei der legendären Mille Miglia in Italien schoss Herrmann in seinem flachen Porsche 550 Spyder auf einen Bahnübergang zu. Zu spät erkannte er, dass die Schranken wegen eines herannahenden Schnellzuges bereits geschlossen waren. Bremsen war unmöglich. In Sekundenbruchteilen traf er eine waghalsige Entscheidung: Er drückte seinem Beifahrer Herbert Linge den Kopf auf die Knie, duckte sich selbst so tief es ging und donnerte unter der geschlossenen Schranke hindurch. Wenige Zentimeter hinter ihnen raste der Zug vorbei.
Der Jahrhundert-Flug auf der AVUS (1959) Das Bild dieses Unfalls ging um die Welt und gehört zu den berühmtesten Aufnahmen der Motorsportgeschichte. Beim Großen Preis von Deutschland auf der Berliner AVUS versagten an seinem BRM bei Tempo 250 km/h die Bremsen vor der gefürchteten Südkehre. Der Wagen überschlug sich dramatisch. Herrmann wurde aus dem Cockpit geschleudert – damals ein Segen, da man im Auto zerschmettert worden wäre – und rutschte auf dem Hosenboden über den rauen Asphalt, während sein BRM um ihn herum in seine Einzelteile zerplatzte. Das unglaubliche Ende vom Lied? Hans Herrmann stand auf, klopfte sich den Staub ab und hatte nichts weiter als ein paar blaue Flecken und Schürfwunden.
Ein perfekter Abgang
Hans Herrmann verstand es nicht nur, Unfälle zu überleben, sondern auch, den perfekten Zeitpunkt für den Abschied zu finden. Vor dem 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1970 fragte ihn seine Frau Magdalena, ob er mit dem Rennsport aufhören würde, wenn er dieses wichtigstes Rennen der Welt endlich gewinnt. Herrmann bejahte.
Am Steuer eines rot-weißen Porsche 917K (Salzburg-Design) holte er zusammen mit Richard Attwood den allerersten Gesamtsieg für Porsche in Le Mans. Ein historischer Triumph. Noch auf dem Siegerpodest machte „Hans im Glück“ sein Versprechen wahr, beendete auf dem absoluten Höhepunkt seine Karriere und trat unversehrt in den automobilen Ruhestand.
Auf dem Weg zum Rennfahrer
Als 17-Jähriger wurde Herrmann 1945 zum Reichsarbeitsdienst eingezogen und sogleich zur Waffen-SS abgestellt. Auf dem Transport zum Einsatzort gelang es ihm, zusammen mit drei weiteren Kameraden zu entkommen und sich in Zivilkleidung nach Stuttgart abzusetzen. Nach dem Krieg schloss er seine Konditorlehre ab, übte den Beruf aber nie aus, obwohl er das Café seiner Mutter übernehmen sollte. Nach der Lehre erstand er mithilfe der Mutter einen kleinen BMW 3/20 und chauffierte damit einen Arzt zu seinen Patienten. 1947 meldete Herrmann eine Lizenz als Fuhrunternehmer an, mit einem 1,5-Liter-BMW, den er für 40.000 Reichsmark kaufte, betrieb er eine Art Taxiunternehmen.

Foto: Wikipedia
Nach dem Rückzug vom aktiven Rennsport
Auch nach seiner aktiven Zeit blieb Hans Herrmann dem Motorsport immer verbunden. So er förderte er z.B. den Nachwuchs in der Formel V und wurde 1970 zum Delegierten der Europa Formel V gewählt. Bei Oldtimertreffen war er am Lenkrad von historischen Rennwagen ein gern gesehener Gast. Hans war viele Jahre Mitglied der Jury „Goldenes Lenkrad“. Im Jahre 2013 wurde ihm der Béla Barényi Preis verliehen. Der Preis ehrt Personen, die sich um den Kraftfahrzeugverkehr verdient gemacht haben. Bis Mitte 2016 betrieb er den Zubehörhandel Hans Herrmann Autotechnik. Am 13. Dezember 1991 wurde Hans Herrmann Opfer einer Entführung. Er kam gegen Lösegeld wieder frei. Der Fall wurde in der Sendereihe Aktenzeichen XY … ungelöst im September 1992 filmisch rekonstruiert, der oder die Täter wurden aber nie gefasst.
Hans Herrmann starb im 9. Januar 2026 im Alter von 97 Jahren.
Text & Bilder: Bernd Etzkorn | SMB


















